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Das ist Wahnsinn!

Der Festivalsommer 2009 endete mit einer Riesenenttäuschung: Oasis entschlossen sich ihre, seit einem gefühlte Jahrhundert bestehende und leider Gottes unglaublich großartige Band einen Tag vor Rock am See und damit einen Tag bevor ich sie das erste Mal live sehen würde, aufzulösen. Frustriert verkaufte ich meine Karte und frustriert vernachlässigte ich nach diesem Schlüsserlebniss meinen Blog. Doch nun bin ich zurück: Zumindest kurz und erinnere mich der Konzerte des vergangenen Herbsts. Und bald werden die ersten Festivals ihre ersten Bands bestätigen. Es geht wieder los.


Die Delinquent Habits wurden 1991 in Los Angeles gegründet. Jener Metropole, in der in den Jahren zuvor legendäre Bands wie N.W.A. den in den Kinderschuhen steckenden HipHop ein knallhartes Gesicht gegeben hatten. Die Habits distanzierten sich jedoch von Beginn an von dem kompromisslosen Sound des Gangster Rap und spielten in der Folge eine experimentierfreudigere, clubtauglichere Variante des HipHop. In Konstanz schenken sie gefühlte 13000 Liter Tequilla aus – auch ein Weg sich das Publikum gefügig zu machen. Ein weiteres Highlight des Abends: Knackeboul aus der Schweiz. Ein beatboxendes, freestylendes und Kastanienwerfer verpetzendes Wunderkind.


Das ist ein chaotisches Highspeed-Potpourri aus Straßen-, Zigeuner- und Weltmusik, gepaart mit Elementen des Ska, Reggae, Punk oder auch des französischen Chanson. Der Zeiger schlägt minütig in eine andere Richtung aus, steht aber niemals still. Babylon Circus zelebrieren ihre Musik, sich selbst, vor allem aber ihr Publikum.Und selbst als die brodelnde Menge längst zu überkochen droht, der Schweiß buchstäblich von den Wänden tropft und die Verletzten im Eingangsbereich aufgebahrt werden müssen, ist für die zehn Jungs auf der Bühne noch kein Ende in sich: Sie reihen Zugabe an Zugabe, immer noch lauter, schneller, spaßiger; ehe sie sich zum großen Finale am Bühnenrand aufbauen und sich stilecht mit einem französischem Chanson und einer tiefen Verbeugung verabschieden.


Und dann erklingen die ersten Fragmente seines Superhits „Disko Partizani“ und Shantel kostet diesen Moment der Euphorie absolut aus, zieht den Song immer weiter in die Länge, spielt mit seinem Publikum, ehe schlussendlich der Refrain daher prescht und es kein Halten mehr gibt. „Das ist der Wahnsinn!“ Lacht ein Halbnackter und schmiegt sich an eine von kalten Schweiß triefende Wand – seine letzte Chance auf Abkühlung. Irgendwann taucht Shantel unter und kurz darauf mitten im Meer seiner Fans wieder auf. Stilsicher padelt er gen Mischpult, intoniert von dort einen weiteren Song. Jetzt steht er absolut im Mittelpunkt, der unbestrittene König der Disko Partizani und hat es einmal mehr geschafft: Shantel Konzerte bleiben ein unvergessliches Konzert- und Partyereigniss.


Die Kilians sind die besseren Strokes. Die Kilians werden eines Tages die größte deutsche Rockband sein. Die Kilians ziehen mehr weibliche Fans in der Kulurladen, als jede andere Band. Eine dieser Aussagen stimmt, ich verrate jedoch nicht welche. In jedem Fall scheint die Musik der Kilians reifer zu sein als die Band selbst und das ist ein Kompliment. (Bilder vom Konzert)Die Stimme ist großartig, die Songs abartig eingängig. Ein alter Grunger neben mir hat Nirvana in Seattle gesehen. Ich gehe zufrieden nach Hause.


Und dann steht kaum einer mehr still, denn die Spiellaune dieser Band, die eigentlich für ein größeres Publikum und eine größere Bühne geschaffen ist, die neue Dynamik der alten Hymne und die Frische der neuen Songs steckt an, bewegt! „Ein geiles Konzert!”, schreit es aus dem leider etwas spärlich besetzten Zuschauerpulk und Frank Z. kann sich ein kurzes Grinsen nicht verkneifen. Abwärts, die für soviele Bands, den Weg wie ein Schneepflug geräumt hat, steht auch heute noch nicht still. Und das ist verdammt gut so.


Als Denyo und DJ Mad Ende der 90er zusammen mit ihrem Mitstreiter Jan Delay ihr Erfolgsalbum “Bambule” auf den Markt schmissen, machten die drei “Beginner” den deutschsprachigen HipHop mehr oder weniger im Vorbeigehen salonfähig. Heute sind bereits einige Jahre seit dem letzten Album “Blast Action Heroes” vergangen, Kollege Delay zum Superstar gereift und Denyo und Mad haben sich einer neuer Mission verschrieben: Mit wehenden Fahnen und rotierenden Platten kämpfen sie gegen Einheitsbrei und abgeflachten Sound in den Clubs. Das ganze läuft unter dem Name Denyo&Mad Soundsystem und funktioniert als eine Mischung aus Konzert und Party, aus DJ und Liveset. Gespielt werden natürlich alte Beginner Songs, deutscher HipHop à la Samy Deluxe, englischsprachiger Hip Hop und zur späteren Stunde eigentlich auch alles andere, hauptsache es kracht. Zwischendrin greift auch Denyo zum Mikrofon und heizt der begeisterten Tuttlinger Menge kräftig ein.


Friska Viljor sind die Indieband überhaupt. Daran gibt es nichts zu rütteln und wer mir widerspricht, den nehme ich nicht ernst. Was mich schon auf Platte umbläst haut mich live dann vollends aus den Socken. Zum Glück bin ich nicht der einzige Fanboy: Beinahe jeder Konzertbesucher singt ähnlich euphorisch mit und blickt genauso glücklich zu den besoffenen Waldschraten auf der Bühne. Der Unwissende, den ich mit aufs Konzert geschleppt habe, ist ohnehin längst in der tanzenden Menge untergegangen. Ja so ist es und bleibt es und wird es auch immer sein, wenn die beiden Schweden zur Ukulele greifen.

Im Anschluss folgt ein Spontankonzert im Kula-Foyer:

Video vom Spontanauftritt

Diese Welt ist voll mit Verrückten

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Eigentlich ist das Mini-Rock ja nichts anderes, als ein etwas anderes Schülerprojekt: Irgendwann hatten die Horber Jugendlichen keinen Bock mehr auf den ewig gleichen Trott und das ausgestorbene Nachtleben im Neckartal und entschlossen sich kurzerhand ein eigenes Festival aus dem Boden zu stampfen. Nachdem die letzten bürokratischen Hürden übersprungen waren, war die Zeit reif für das Mini-Rock-Festival.

Mittlerweile braucht sich das Projekt nicht einmal mehr vor den gigantischsten Konkurrenten verstecken, denn die Organisation ist professionell und das Gelände einzigartig. Der Horber Fest- und Campingplatz ist durchzogen von Sträuchern und Obstbäumen, die Bühne ist fest im Beton verankert und das Ganze ist vom klaren Wasser des Neckars umschlossen.

Im Lineup regiert der Spaß-Punk, auf dem Campingplatz zu oft das Säufertum, aber trotzdem hat das Mini-Rock einige echte Perlen parat. Bereits am Donnerstagabend entern die ersten Bands die Bühne.

RTR kennt eigentlich Niemand, hauen aber ein überzeugendes hyperaktives, überdrehtes Elektro-Trash-Gebashe-Paket um die Ohren. Marteria aka. Marsimoto hat beim Frauenfeld vor Zehntausenden gespielt, hier ist es die Mini-Zeltbühne. Beides funktioniert prächtig: Merkt euch diesen Namen!(Zum Bericht des Openair Frauenfeld)

Nachdem es am Donnerstag wie aus Eimer geschüttet hat, brennt die Sonne am Freitag erbarmungslos. Zum Glück kenne ich die gesamte Palette der Bear-Gryllz-Überlebenstipps.

Long Distance Calling sehen aus wie eine amerikanische Punkband, spielen aber Postrock vom allerfeinsten. Selbst bei den denkbar unpassenden äußeren Umständen, ist das so sphärisch und mächtig und technisch ausgereift, dass es kräftig flasht! Zebrahead labern viel, spielen wenig: Ansagen und Musik sind insgesamt eher witzlos. Callejon drehen übel am Rad; abgedreht und überdreht! Dann spielen The Thermals, die nicht selten als eine der interessantesten amerikanischen Bands bezeichnet werden. Der Auftritt unterstreicht dies nachhaltig: The Thermals klingen so, wie es die Pixies oder Sonic Youth tun würden, wenn sie sich 15 später gegründet hätten. Grandios! Der Freitags Headliner sind Enter Shikari, eine Art Vorreiter- und Kultband. Für meinen körperlichen Zustand ist der Tekkno-Core-Zwitter schlichtweg zu anstrengend. Egotronic, das Late-Night-Special, leiden zunächst unter dem denkbar schlechtesten Festivalsound aller Zeiten. Dann funktioniert die Technik und das große Ganze prächtig.

Trip Fontaine dieses Mal auf der großen Bühne mit bestialisch besseren Sound. Auf ein Wort: Die talentierteste deutsche Rockband!(Zum Bericht des Ract!-Festival) Jupiter Jones höre ich nur vom Zeltplatz, diese spärlichen Eindrücke machen aber Spaß. Die Absage von Turbostaat nervt, Panteon Roccoco geben kurzerhand der Co-Head+Luckenfüller. Zwei Stunden Latin-Ska, Weltmusik und Gypsy-Disko. K.I.Z. sind der Überheadliner des Festivals und kurz vor Beginn platzt das Festivalgelände aus allen Nähten. Was dann folgt ist Konzertkrieg, eine freundschaftliche Massenschlägerei zu den Hymnen der eloquentesten Berliner Revolutionsführer und Volksverhetzer. Tarek, Nico, Craft und Maxim sind absolut motiviert, spielen sich quer durch ihre musikalische Geschichten und lassen am Ende keine Fragen mehr übrig. Niemand polarisiert so, niemand begeistert so, niemand hält dieses Gesellschaft so passend den Spiegel vor wie die Kannibalen in Zivil.

Video: Müll!

THIS IS MY CULTURE

Video: Klangbad


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Den jugendlichen Rock´n´Rollern ist Tuttlingen wohl nur als Durchgangsstation zum nahe gelegenen Southside-Festival ein Begriff. Doch auch in Tuttlingen selbst  entsteht einmal jährlich ein eigenes kleines Festivaluniversum: Denn hoch über der Welthauptstadt der Medizintechnik prangt die ehemalige Festungsanlage Honburg, innerhalb deren idyllischen Überreste das traditionelle Honberg-Festival stattfindet.

Doch trotz, oder gerade aufgrund der offensichtlichen Nähe, haben Southside und Honberg-Sommer so rein gar nichts gemeinsam: Während der Gigant bei Neuhausen als  klassisches 3-Tagesfestival funktioniert,  ist das Honberg-Festival auf 18 Tage und einzelne Konzerte  aufgesplittet. Und auch die Bands, wie auch das entsprechende Zielpublikum könnten kaum unterschiedlicher sein. Die Honberg-Macher buchen alte Helden und Legenden, Comedians und den ein oder anderen Chartbreaker. Mehr oder weniger frewillig schreibe ich mir drei Konzerte auf den Plan: Stefanie Heinzmann, Global Kryner und Joe Bonnamassa - Ein schweizer Stimmwunder mit Castingerfahrung, eine modern aufgeblasene Bläsergruppe und ein amerikanischer Bluesgitarrist. Und auch wenn ich mit keiner der drei Sparten im echten Musikleben nicht besonders viel am Hut habe, stürze ich mich mutig ins Getümmel.

Stefanie Heinzmann hat schon einiges mitgemacht in den vergangenen Jahren. 2007 gewann sie die Castingsendung “SSDSDSSWEMUGABRTLAD” („Stefan sucht den Superstar, der singen soll, was er möchte, und gerne auch bei RTL auftreten darf!”), Stefan Raabs Gegenentwurf zum RTL´schen Superstar-Wahn und überzeugte von Beginn an durch ihre sensationelle Stimme. Es folgten die obligatorischen Hits, zahlreiche Preise, die Gründung einer Produktionsfirma, Morddrohungen eines Stalkers und unsägliches Metallica-Cover.  Heinzmann wurde durch den Schnellwaschgang der Öffentlichkeits-Waschmaschiene gejagt und 2009 direkt auf dem Honberg ausgespuckt. Das Konzert ist ganz erfrischend, das jugendlich weibliche Publikum gröhlt “My Man Is A Mean Man” im Stile einer Gruppe besoffener Hooligans und Stefanie Heinzmann singt sich die Seele in allen Varianten aus dem Leib.

Global Kryner machen Blasmusik; aber irgendwie abgedreht und auf modern gepitscht, global und weltmusisch. Die erste viertel Stunde ist schon witzig. Eine Sängerin gleitet auf  die Bühne und die zwischenzeitlichen Össi-Stand-Up-Einlagen sorgen für Abwechslung. Auch hier ist das Publikum durchaus euphorisch, ich selbst bin jedoch spätestens nach 30 Minuten genervt und schreite gen Bierstand.

Joe Bonamassa überrascht mich total.  Der Amerikaner ist ein Gitarrenheld der alten Schule, ein Supertalent des Bluesrock. Er bringt den perfekt aufgekratzten Soundtrack für dieses schwitzig-schwüle Zirkuszelt. Meine Assoziation heißt Black Rebel Motorcycle Club. Bonamassa peitscht unbarmherzig auf seine Gitarre ein, gräbt nach Nuancen und Momenten. Während die Gitarre in Punk, Grunge, Prog und hundert weiteren Musikrichtungen einen Schritt in die Anonymität machte, steht sie hier absolut im Mittelpunkt. Auf dem Zenit treibt es Bonamassa dann auf die Spitze und fällt über eine Akkustikgitarre her. Schneller, differenzierter, abartiger kann man dieses Instrument nicht beherrschen.

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“Machs Mikro uff”

Die Schweizer gelten ja gemeinhin als ruhiges und besonnenes Völkchen und die Fahrt gen Frauenfeld unterstreicht diesen Eindruck komplett: Das sind Omas, die auf überladenen Mofas auf der Hauptstraße tuckern, Familien, die in paradiesischer Landschaft Feldarbeit verrichten und natürlich die obligatorisch grasenden Kuhherden.
Das klischeeüberladene Bild wird total, aber wirklich komplett überworfen, als wir das Festivalgelände entern: Denn das Openair Frauenfeld ist anders und größer als alles was ich bisher gesehen habe.

Rundumblick - Video

Wo deutsche Festivalmanager unzählige Sicherheitskontrollen installieren, sagen sich die Schweizer: Lass laufe! Und das funktioniert. Die bunt zusammengewürfelten, internationalen Menschenmassen schieben sich auffallend entspannt durch das grünende Gelände und in manchen Momenten ist das Frauenfeld so, wie man sich als 20-Jähriger Woodstock vorstellt.
Die beiden Bühnen sind ungefähr gleich groß und so nah beieinander, dass Wartende vor der einen, ohne Probleme die Konzerte auf der anderen Bühne verfolgen können. Tatsächlich: Echte Irrsinnige können jedes Konzert komplett sehen.

Mach kaputt was dich kaputt macht

Die sympathische Wuchtbrumme Miss Platnum beschallt das Frauenfeld, als wir uns noch Überblick über das Gelände verschaffen. Angenehmer Schlender-Soundtrack. Marteria aka. Marsimoto ist der Liebling der deutschen HipHop-Elite: “Darauf haben wir immer gewartet”, sprach zum Beispiel Jan Delay und behält irgendwie recht: Der modelnde HipHopkicker kann alles und erfindet vieles neu. Turbonegro passen ungefähr so gut aufs Frauenfeld, wie Marianne und Michael in einen Moshpit: “In Norway, they said: If they play on this HipHop Festival - it will be the end of Turbonegro. So Switzerland: Let´s destroy Turbonegro.” Famoses Konzert.  Egal ob er seine Familie besingt, oder Deutschland verbal den Arsch versohlt: Samy Deluxe ist unantastbar. Die Liveband hebt den Wickeda MC in ungeahnte Sphären und spätestens bei “Weck mich auf”, diesem substanziellen Knotenpunkt, dreht auch noch der Letzte durch. Sido beginnt stumm, eine Mini-Schweizerin brüllt: “Du hasch Mikrofon nit uff” und die Aggro-Berlin-Show beginnt. Die Maske ist längst Geschichte, das Konzert ist spaßig und reiht Hit an Hit. Kanye West ist ein Außerirdischer - abgehoben, gebrochen, größenwahnsinnig! Wölfe, Nymphen und der vielleicht größte WOW-Effekt meiner Konzerthistorie. Immortal Technique liefern als Freitagabschluss dann noch ein bewusst schmutziges Kontrastprogramm - ich bin am Limit.

Black Violin gibt am Samstag den ungewöhnlichen Opener, denn die Beats werden auf Geigen gestrichen und das gefällt auf ganzer Linie. Terry Lynn entwuchs den Straßen von Kingston: Ihre Attitüde, Spiellaune und Sexyness weckt die verpennten Massen in Sekundenschnelle. Gimma ist eine Schweizer Band die ich, im Gegensatz zu Tausenden anderen Frauenfeldlern, nicht kenne. Das ist bisschen anstrengend, mein Fuß wippt trotzdem mit. Die Metamorphose des Dendemanns: Im charmanten Schalke Look, mit einem auf Punk gebürsteten Album fräst er über die zweite Bühne und begeistert Tausende mit Musik, die einst für Hunderte konzipiert wurde. La Coka Nostra aus der Ferne: Everlast und seine Jungs verstehen zwar keinen Spaß, aber einmal “Jump Around” ist trotzdem drin. Gentleman gibt den weltenverbessernden Weltbürger und vergisst,  dass das am besten funktioniert wenn er seine Musik für sich selbst sprechen und 50.000 “Dem Gone” mitsingen lässt. Deichkind live, das ist Zirkus und Anarchie, Rave und Kindergeburtstag, Zitze und Trampolin. Darauf ist Verlass und daran muss und wird sich nichts ändern.  Einfach jeder will 50 Cent und seine G-Unit sehen. Entsprechend eng wird es auf dem Gelände, als das “P.i.m. p.”-Theater Premiere feiert, die bekannten Bässe pumpen und ein paar Basecaps in die Crowd gefeuert werden. So richtig innovativ ist das nicht -  aber das hat ja auch niemand erwartet. “Whos the Gay Rapper?” “Kanye West”; Jedi Mind Tricks habe vor nichts und niemanden Angst und ziehen ihr Ding bis zur letzten Sekunde durch. Kein BlinggBlingg, kein Schall und Rauch - DAS ist der ehrliche Untergrund.

Aus Mangel an Kontrastprogramm werden die Schweizer Acts Seven und Bligg geschaut. Letzterer ist in der Schweiz ein Superstar und weiß das Publikum zu begeistern. Das erste Sonntaghighlight ist  N.E.R.D.. Pharrel Williams hat Bock auf ne Rockshow, fordert Moshpits und Crowdsurfer und holt sich 50 Weiber auf die Bühne. Seine Band leuchtet die verschiedensten Aspekte aus und trägt ihren teil zu einem wirklich abrtigen HipHop-Konzert bei. Prinz Pis “Neopunk” lief im vergangenen Jahr auf Dauerrotation: Das Teil ist aggressiv, Elektro und Punk und entsprechend sieht das Konzert aus. Pi, der wohl noch nie auf einer solchen Bühne gespielt hat, ist offensichtlich überwältigt bis sprachlos. Ludacris, der Ersatzheadliner macht keine Kompromisse. Das ist amerikanischer Gangsterrap in seiner ursprünglichsten Form, von einem Vorreiter auf die Bühne gebracht: “Move Bitch Get Out The Way” - so siehts dann halt aus.

Dann geht alles ruck-zuck: Das Festival speit uns zurück in die normale (schweizer) Welt. Durchatmen, Wasser trinken, Kaugummi kauen. Frauenfeld, wir sehen uns wieder.


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Where Is My Mind?

Keine Frage, ich bin mit diesem Festival aufgewachsen:  Bereits als kleiner Pimpf lauschte ich andächtig auf unserem  fünf Autominuten vom Gelände  entfernten Balkon,  als 14-Jähriger war ich den Tränen nahe, als es mit meiner Festivalpremiere nicht so richtig klappen wollte. Und 2005 warf ich mich dann endlich selbst ins Geschehen. Seither lässt mich das Musikevent  vor meiner Haustüre nicht mehr los. Tatsächlich gibt es grundsätzlich kein Festival deutschlandweit, dessen Line-Up-Faust so brachial passend auf mein Musikauge schlägt.

2009 ist mein fünftes Southside-Festival. Doch als ich mich Donnerstagabend an die beängstigende Menschenschlange hänge, bin ich in etwa so routiniert, wie ein englischer Fussballprofi am Elfmeterpunkt.

Passierschein A 38:

Der klassische Aufbau eines Camps besteht aus einem zentralen Pavillon, darunter ein versiffter überfüllter Tisch, darunter ein Haufen Müll, drumherum die Zelte und eine ständig variierende Anzahl an Campingstühlen und Campern. Panzertape hält den Laden zusammen, alles weitere ist dann dem Zufall und der Fluktuation überlassen.

Video: Tabula Rasa!

Für viele ist der Zeltplatz ansich der einzig wahre Headliner und entsprechend bunt und unübersichtlich ist das Treiben auf der Landebahn. Das Spektrum reicht von Nackten (logisch!), Bären, Schlümpfen, Rockern, Punks, HipHopern, über Fussballspieler, Artisten, Skateboardfahrer, Gummibälle, Dixie-Umwerfer, Feuerteufel, Schnapsleichen oder Ausdruckstänzer bis hin zu Golfern, Schlammcatchern, Partyschweinen, Muster-ins-Brusthaar-Rasierten, Filmteams und Musikern. Dieses irrwitzige, durchnässte Irrenhaus saugt dich unwillkürlich in sich auf.

Wettertechnisches

Southside bedeutet Sonnenbrand und Hitzeschlag, Schwitzen und abkühlen. 2009 ist das anders. Freitag-Mittag beginnt es in bitterkalten Fäden zu schütten und schon bald regieren Schlamm und wetterfeste Kleidungskreationen. Der Wolkenhimmel ist breiig grau und trostlos.

Musik wie sie sein sollte…

Silversun Pickups überraschen und geben den angenehmen Festivalauftakt auf der Zeltbühne. Die wohlige Bart-Band Fleet Foxes zaubert durch den Regen Lächeln in gepeinigte Gesichter; der magische Moment folgt jedoch erst bei Clueso: Irgendwo am Horizont frisst sich die Sonne durch das breiige Grau und zwar so vollendet glühend, dass es der Menge  durchblutend warm den Rücken hinunter läuft. Ben Harper lebt für seine Musik und den Konzertmoment und weil man das spürt und sieht springt der Funke über. Dann folgt der superlative Vorschlaghammer: Nick Cave and the Bad Seeds. Keine Band schaffte es öfter in meinen CD-Spieler, meinen MP3-Player, meine PC-Playlist. Keine Musik hat mich stärker geprägt. Das Konzert macht mich absolut sprachlos.

(->Die besten Konzerte meiner Southside-Geschichte<-)

Vor Friska Viljor platzt der Regen. Das Plakat der Schweden ist viel zu klein für die rießige Bühne . Am Ende triumphiert jedoch der Spaß und die Symphatie und Tausende feiern mit der nahezu perfekten Popband. Johnossi fallen gegenüber ihren Vorgängern deutlich ab.  Gaslight Anthem drehen Springsteen durch einen energetischen Punkwolf.  I ch nehme mir eine kurze Pause. Zwei Stunden später: Schlamm und Eugene Hutz, Frontmann der Zigeunerkombo Gogol Bordello, verwandeln den Innenring der Green Stage in eine dreckige Gypsy-Disko. Editors besitzen mit Tom Smith den vielleicht ausgereiftesten Sänger des Festivals. Gitarrenwände und Elektrogebashe vollenden ihr Konzert.  Jesse “The Devil” Hughes ist ohne Wenn und Aber die coolste Sau des Rock´N´Roll-Zirkus. Seine Eagles Of Death Metal unterstreichen nachhaltig, dass Rockmusik immer dann am besten ist, wenn sie sich auf das Wesentliche reduziert. Disturbeds Auftritt ist trashig, ein bisschen peinlich und irgendwie  weichgespült. Das krasse Gegenteil folgt auf dem Fuß:  Nine Inch Nails. Die Industrial-Bestie Trent Reznor wird von der Ketten gelassen und drischt gnadenlos auf  sein dankbares Publikum ein. Keine Verschnaufpause, endlich passt der Regen ins Bild. Am Ende spielt er “Hurt”, den Song für die Ewigkeit.

Der penetrant laute Sound zerstört das Intermezzo der talentierten und volltrunkenen Horrors.  Frank Turner spielt “The Ballad Of Me And My Friends” und liebt die deutschen Frauen und das ist ja auch das Wichtigste. Mars Volta puzzlet Klangcollagen, die in unberechenbaren Soundfrickeleien zerbersten. Während sein Schlagzeuger alles zerfetzt, lässt Mastermind Omar Rodriguez die Diva raushängen.  Trotzdem Tinnitus. Surfer Rosa von den Pixies ist das Album meiner Jugend und es ist ein seltsamer Moment als sie so ganz und gar nicht rockstartypisch auf die Bühne dackeln. Wie wichtig die Pixies wirklich waren zeigt dann ihr Konzert: Grunge heute, Punk heute, Indie heute - undenkbar ohne diese Band. Moby zeigt die Vielfalt seines Schaffens und die Nuancen der elektronischen Musik. Dann Kraftwerk, die vielleicht einflussreichste deutsche Band überhaupt. Kraftwerk, die Pioniere und Vorreiter. Kraftwerk, die all das neue Elektrozeug mit dem Handrücken wegwischen, pulverisieren und vergessen machen. Visueller-Sound-Bombast!

Der letzte Gang zum hauseigenen Pavillon. Der ist mittlerweile gehörig demoliert und eingedrückt. Der Innenraum ist über und über mit Stroh dekoriert, ein Unbekannter schläft in friedlicher Embryostellung unter dem Tisch und ein Pärchen knutscht im Campingstuhl. Mein Southside-Schlussbild ist eine biblische Szene - und dafür macht macht man sich doch liebend gern zum Esel!

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Die Taschen sind notdürftig gepackt, die Kampfstiefel felsenfest geschnürt. Wenige Stunden vor der Abfahrt Richtung Neuhausen ist es Zeit ein letztes Mal zurückzuschauen. Die denkwürdigsten Konzerte (meiner) Southside-Geschichte:

2006:  Wolfmother

Zwischenzeitlich gehyped, mittlerweile aufgelöst und neugegründet. 2006 ein Geheimtipp. Wolfmother brennen ein bombastisches Feuerwerk ab. Unerträgliche Hitze, wütender Stoner-Rock, Led Zeppelin für Abgefuckte. Immer wieder wringe ich Schweiß aus meinem Shirt, dann klappt der Kreislauf zusammen.

2007:  Beastie Boys

Vierzigtausend Ausgebrannte mobilisieren die letzten Kräfte für den abartigsten aller Headlinerauftritte. Fight for your Right, jaja, blabla: Grenzen verschwimmen, das Ding geht durch die Decke. Sabotage ist der perfekte Festivalabschluss. Beastie Boys spielen das perfekte Konzert.

2008:  Sigur Rós

Dem hyperaktiven Punk neben mir klappt die Kinnlade herunter: „Das ist wie im Märchen.” Das ist der vollendete Flash. Sphärisch, verspielt, orchestral. Sonnenuntergang. Aufrichtige Gänsehaut.

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Don´t tell me to stop, when I just started!

Der Anruf kracht mitten in die unspektakulären Vorbereitungen auf ein trostloses Juni-Wochenende: „Wir fahren morgen nach Tübingen - Ract-Festival - hast du Bock mitzukommen.” Ract!Festival?   Sagt mir zwar irgendetwas, doch detaillierte Informationen habe ich nicht parat. Das Internet verschafft die gewohnte Abhilfe: Das Ract! ist eines der größten politischen Umsonst&Draußen-Festivals in ganz Deutschland. Es schlängelt sich am Tübinger Anlagensee entlang und funktioniert als durchtriebes Potpurri aus politisch geprägten Work-Shops, Vorträgen, Debatten, Lesungen, Poetry Slams, B-Boy Battle und natürlich einer großen Menge an Konzerten. 

Das Konzept ist klar:  Politik und Spaß dabei:  Zusammen können wir etwas bewegen.

Der Freitag ist aus zeitlichen Gründen hinfällig, das Samstagsprogramm sagt mir umso mehr zu. “Natürlich bin ich am Start!” Einer Stunde Fahrt und vier  Dosen Bier später wird das Gelände geentert. Es herrscht eine grandiose familäre Bazarstimmung: Pfadfinder verkaufen Pizzas, Punks verkaufen Hippietücher und aus vom VIP-Verpflegungsstand grüßt die No-Stress-Bekanntschaft Pat Cash mit einem Pappteller in der Hand. “Sieht aus wie schon einmal gegessen!” “Schmeckt auch so.” Meine Pfadfinder-Pizza lässt dafür keine Wünsche offen…

Deutsche Bands bringens nicht?

Kurz vor 9 schleppen wir uns vor die mittlere der drei Bühnen und kurz darauf entern Trip Fontaine ebendiese. Trip Fontaine sind die eine der wohl spektakulärsten, innovativsten und talentiertesten deutschen Nachwuchsbands. Ihr Auftritt untermauert diesen Anspruch nicht nur, sondern gießt ihn in Stahl. Post-Punk, strange Frickeleien, abgehalfterte Emotionen - das ganze derart spielfreudig, aggressiv und präzise, dass man sich wirklich fragt, wie gut diese Band in 10 Jahren sein wird. Eine regelrechte Liveoffenbarung.

Ich bin zufriedenstellend maltretiert und deshalb gehört der restliche Abend drei HipHop-Acts.  Tatsächlich wartet das Ract sogleich mit der nächsten faustschlagdicken Überraschung auf. Damion Davies - Workalholic, Texter, Musiker, Schauspieler, Filmemacher und hyperaktiver Performer. Er rappt aus dem Publikum heraus, vom Dach der Bühne herunter, während dem Stagediving. Er holt 20 Mann auf die Bühne, zerstört die Beleuchtungsanlage und überzieht die Zeit. Komplett bemerkenswerter Auftritt.

Die Nachfolger haben es da schwer und fallen etwas ab. “Mr-Catering-Pat Cash” gibt sich alle Mühe und den Anheizer für Nico Suave. Suave selbst ist ein quicklebendiges Fossil des deutschen HipHops.  “Vergesslich”, “Suave” und das “Füchse-Cover” werden selbstverständlich frenetisch abgefeiert. Passt!

Auf dem Heimweg werden wir von einem Polizisten beleidigt und besuchen mitten in der Nacht und vollkommen ausgebrannt ein nerviges Dorffest und beenden mit diesen klassischen Eindrücken einen hochgradig eindrucksvollen Abend.


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Die unerträgliche Leichtigkeit des Pflastersteins

Göggingen hat 900 Einwohner. Ein Dorf wie es hunderte gibt auf der schwäbischen Alb. Für die Jugend gleicht diese Provinz einer Steppenlandschaft.  Sie lechzen nach Ablenkung, Abwechslung und dem beherzten Schritt aus dem ewig gleichen Trott. Die Macher des No-Stress-Festivals haben 1997 erstmals den Presslufthammer angesetzt und die Pulsadern der Einöde geöffnet. Seither rinnt der Sand der Sanduhr einmal jährlich gegen die Zeit und eine Meute schwimmt gegen den Strom.

Samstag

Roger Rekless hat sich verfahren (kein Wunder) und nur wenig Zeit. Er zieht alle Register und Menge steigt voll darauf ein. Fäuste ragen in den Himmel. CALI P überrascht im richtigen Moment. Unruhiger, aber aufmerksamer Bewegungsanfall. F.R. ist beängstigend schnell und präzise wie ein Schweizer Uhrwerk. Eine Mensch-Maschiene. Mundaufriss bis zur Kiefersperre. Dilated People sind Legenden, doch das lassen sie sich nicht anmerken. Untergrund. Amerikanisch. Rau. Krass. Punkt.

Am nächsten Morgen kotzen die Frühaufsteher in ihre Vorzelte oder verzehren ohne Löffel eine rohe Dose Ravioli. Nur langsam schält sich die Müdigkeit aus den geplagten Knochen und sogar Festivalbier ist in den Morgenstunden kalt. Es ist der Moment der Ruhe, der Nullpunkt, der bis zur letzten Sekunde genossen wird.

Sonntag

Casper; Schreit sich den Frust von der Seele. Zuviel Punk für die HipHopper, zuviel HipHop für die Punks? Alle Hände hoch- wie die Faust aufs Auge. Kaas und Tua. Komplett verwirrend. Trash. Nerd. Kitsch. Dann machen sie urplötzlich ernst und Kopfschütteln weicht Kopfnicken. MC Kamp überrascht so wie es für einen Special Guest gehört und haut seinem Publikum ohne Vorwarnung ein stranges Brett um die Ohren. Sebastian Sturm; der Priester. Baumwipfelromantik. Jeder hat diesen Moment für sich und doch wird er im Kollektiv geteilt. Curse, der Altmeister, erteilt eine Lehrstunde. Seine Band erzeugt einen mächtigen Zwitter aus DJ-Sound und Orchesterklängen. Am Ende holt er alle auf die Bühne - Finale Furioso.

Ende. Stille. Müdigkeit.

Du analysierst deinen eigenen Hygiene- und Akkuladezustand mit ernüchternden Ergebnis.

Ja verdammt! Das Herz der Provinz schlägt auch weiterhin im 3/4  Takt.

Zum längeren Bericht: www.backspin.de

 


Alle Fotos von: www.gordesign.de