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Das ist Wahnsinn!

Der Festivalsommer 2009 endete mit einer Riesenenttäuschung: Oasis entschlossen sich ihre, seit einem gefühlte Jahrhundert bestehende und leider Gottes unglaublich großartige Band einen Tag vor Rock am See und damit einen Tag bevor ich sie das erste Mal live sehen würde, aufzulösen. Frustriert verkaufte ich meine Karte und frustriert vernachlässigte ich nach diesem Schlüsserlebniss meinen Blog. Doch nun bin ich zurück: Zumindest kurz und erinnere mich der Konzerte des vergangenen Herbsts. Und bald werden die ersten Festivals ihre ersten Bands bestätigen. Es geht wieder los.


Die Delinquent Habits wurden 1991 in Los Angeles gegründet. Jener Metropole, in der in den Jahren zuvor legendäre Bands wie N.W.A. den in den Kinderschuhen steckenden HipHop ein knallhartes Gesicht gegeben hatten. Die Habits distanzierten sich jedoch von Beginn an von dem kompromisslosen Sound des Gangster Rap und spielten in der Folge eine experimentierfreudigere, clubtauglichere Variante des HipHop. In Konstanz schenken sie gefühlte 13000 Liter Tequilla aus – auch ein Weg sich das Publikum gefügig zu machen. Ein weiteres Highlight des Abends: Knackeboul aus der Schweiz. Ein beatboxendes, freestylendes und Kastanienwerfer verpetzendes Wunderkind.


Das ist ein chaotisches Highspeed-Potpourri aus Straßen-, Zigeuner- und Weltmusik, gepaart mit Elementen des Ska, Reggae, Punk oder auch des französischen Chanson. Der Zeiger schlägt minütig in eine andere Richtung aus, steht aber niemals still. Babylon Circus zelebrieren ihre Musik, sich selbst, vor allem aber ihr Publikum.Und selbst als die brodelnde Menge längst zu überkochen droht, der Schweiß buchstäblich von den Wänden tropft und die Verletzten im Eingangsbereich aufgebahrt werden müssen, ist für die zehn Jungs auf der Bühne noch kein Ende in sich: Sie reihen Zugabe an Zugabe, immer noch lauter, schneller, spaßiger; ehe sie sich zum großen Finale am Bühnenrand aufbauen und sich stilecht mit einem französischem Chanson und einer tiefen Verbeugung verabschieden.


Und dann erklingen die ersten Fragmente seines Superhits „Disko Partizani“ und Shantel kostet diesen Moment der Euphorie absolut aus, zieht den Song immer weiter in die Länge, spielt mit seinem Publikum, ehe schlussendlich der Refrain daher prescht und es kein Halten mehr gibt. „Das ist der Wahnsinn!“ Lacht ein Halbnackter und schmiegt sich an eine von kalten Schweiß triefende Wand – seine letzte Chance auf Abkühlung. Irgendwann taucht Shantel unter und kurz darauf mitten im Meer seiner Fans wieder auf. Stilsicher padelt er gen Mischpult, intoniert von dort einen weiteren Song. Jetzt steht er absolut im Mittelpunkt, der unbestrittene König der Disko Partizani und hat es einmal mehr geschafft: Shantel Konzerte bleiben ein unvergessliches Konzert- und Partyereigniss.


Die Kilians sind die besseren Strokes. Die Kilians werden eines Tages die größte deutsche Rockband sein. Die Kilians ziehen mehr weibliche Fans in der Kulurladen, als jede andere Band. Eine dieser Aussagen stimmt, ich verrate jedoch nicht welche. In jedem Fall scheint die Musik der Kilians reifer zu sein als die Band selbst und das ist ein Kompliment. (Bilder vom Konzert)Die Stimme ist großartig, die Songs abartig eingängig. Ein alter Grunger neben mir hat Nirvana in Seattle gesehen. Ich gehe zufrieden nach Hause.


Und dann steht kaum einer mehr still, denn die Spiellaune dieser Band, die eigentlich für ein größeres Publikum und eine größere Bühne geschaffen ist, die neue Dynamik der alten Hymne und die Frische der neuen Songs steckt an, bewegt! „Ein geiles Konzert!”, schreit es aus dem leider etwas spärlich besetzten Zuschauerpulk und Frank Z. kann sich ein kurzes Grinsen nicht verkneifen. Abwärts, die für soviele Bands, den Weg wie ein Schneepflug geräumt hat, steht auch heute noch nicht still. Und das ist verdammt gut so.


Als Denyo und DJ Mad Ende der 90er zusammen mit ihrem Mitstreiter Jan Delay ihr Erfolgsalbum “Bambule” auf den Markt schmissen, machten die drei “Beginner” den deutschsprachigen HipHop mehr oder weniger im Vorbeigehen salonfähig. Heute sind bereits einige Jahre seit dem letzten Album “Blast Action Heroes” vergangen, Kollege Delay zum Superstar gereift und Denyo und Mad haben sich einer neuer Mission verschrieben: Mit wehenden Fahnen und rotierenden Platten kämpfen sie gegen Einheitsbrei und abgeflachten Sound in den Clubs. Das ganze läuft unter dem Name Denyo&Mad Soundsystem und funktioniert als eine Mischung aus Konzert und Party, aus DJ und Liveset. Gespielt werden natürlich alte Beginner Songs, deutscher HipHop à la Samy Deluxe, englischsprachiger Hip Hop und zur späteren Stunde eigentlich auch alles andere, hauptsache es kracht. Zwischendrin greift auch Denyo zum Mikrofon und heizt der begeisterten Tuttlinger Menge kräftig ein.


Friska Viljor sind die Indieband überhaupt. Daran gibt es nichts zu rütteln und wer mir widerspricht, den nehme ich nicht ernst. Was mich schon auf Platte umbläst haut mich live dann vollends aus den Socken. Zum Glück bin ich nicht der einzige Fanboy: Beinahe jeder Konzertbesucher singt ähnlich euphorisch mit und blickt genauso glücklich zu den besoffenen Waldschraten auf der Bühne. Der Unwissende, den ich mit aufs Konzert geschleppt habe, ist ohnehin längst in der tanzenden Menge untergegangen. Ja so ist es und bleibt es und wird es auch immer sein, wenn die beiden Schweden zur Ukulele greifen.

Im Anschluss folgt ein Spontankonzert im Kula-Foyer:

Video vom Spontanauftritt

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Where Is My Mind?

Keine Frage, ich bin mit diesem Festival aufgewachsen:  Bereits als kleiner Pimpf lauschte ich andächtig auf unserem  fünf Autominuten vom Gelände  entfernten Balkon,  als 14-Jähriger war ich den Tränen nahe, als es mit meiner Festivalpremiere nicht so richtig klappen wollte. Und 2005 warf ich mich dann endlich selbst ins Geschehen. Seither lässt mich das Musikevent  vor meiner Haustüre nicht mehr los. Tatsächlich gibt es grundsätzlich kein Festival deutschlandweit, dessen Line-Up-Faust so brachial passend auf mein Musikauge schlägt.

2009 ist mein fünftes Southside-Festival. Doch als ich mich Donnerstagabend an die beängstigende Menschenschlange hänge, bin ich in etwa so routiniert, wie ein englischer Fussballprofi am Elfmeterpunkt.

Passierschein A 38:

Der klassische Aufbau eines Camps besteht aus einem zentralen Pavillon, darunter ein versiffter überfüllter Tisch, darunter ein Haufen Müll, drumherum die Zelte und eine ständig variierende Anzahl an Campingstühlen und Campern. Panzertape hält den Laden zusammen, alles weitere ist dann dem Zufall und der Fluktuation überlassen.

Video: Tabula Rasa!

Für viele ist der Zeltplatz ansich der einzig wahre Headliner und entsprechend bunt und unübersichtlich ist das Treiben auf der Landebahn. Das Spektrum reicht von Nackten (logisch!), Bären, Schlümpfen, Rockern, Punks, HipHopern, über Fussballspieler, Artisten, Skateboardfahrer, Gummibälle, Dixie-Umwerfer, Feuerteufel, Schnapsleichen oder Ausdruckstänzer bis hin zu Golfern, Schlammcatchern, Partyschweinen, Muster-ins-Brusthaar-Rasierten, Filmteams und Musikern. Dieses irrwitzige, durchnässte Irrenhaus saugt dich unwillkürlich in sich auf.

Wettertechnisches

Southside bedeutet Sonnenbrand und Hitzeschlag, Schwitzen und abkühlen. 2009 ist das anders. Freitag-Mittag beginnt es in bitterkalten Fäden zu schütten und schon bald regieren Schlamm und wetterfeste Kleidungskreationen. Der Wolkenhimmel ist breiig grau und trostlos.

Musik wie sie sein sollte…

Silversun Pickups überraschen und geben den angenehmen Festivalauftakt auf der Zeltbühne. Die wohlige Bart-Band Fleet Foxes zaubert durch den Regen Lächeln in gepeinigte Gesichter; der magische Moment folgt jedoch erst bei Clueso: Irgendwo am Horizont frisst sich die Sonne durch das breiige Grau und zwar so vollendet glühend, dass es der Menge  durchblutend warm den Rücken hinunter läuft. Ben Harper lebt für seine Musik und den Konzertmoment und weil man das spürt und sieht springt der Funke über. Dann folgt der superlative Vorschlaghammer: Nick Cave and the Bad Seeds. Keine Band schaffte es öfter in meinen CD-Spieler, meinen MP3-Player, meine PC-Playlist. Keine Musik hat mich stärker geprägt. Das Konzert macht mich absolut sprachlos.

(->Die besten Konzerte meiner Southside-Geschichte<-)

Vor Friska Viljor platzt der Regen. Das Plakat der Schweden ist viel zu klein für die rießige Bühne . Am Ende triumphiert jedoch der Spaß und die Symphatie und Tausende feiern mit der nahezu perfekten Popband. Johnossi fallen gegenüber ihren Vorgängern deutlich ab.  Gaslight Anthem drehen Springsteen durch einen energetischen Punkwolf.  I ch nehme mir eine kurze Pause. Zwei Stunden später: Schlamm und Eugene Hutz, Frontmann der Zigeunerkombo Gogol Bordello, verwandeln den Innenring der Green Stage in eine dreckige Gypsy-Disko. Editors besitzen mit Tom Smith den vielleicht ausgereiftesten Sänger des Festivals. Gitarrenwände und Elektrogebashe vollenden ihr Konzert.  Jesse “The Devil” Hughes ist ohne Wenn und Aber die coolste Sau des Rock´N´Roll-Zirkus. Seine Eagles Of Death Metal unterstreichen nachhaltig, dass Rockmusik immer dann am besten ist, wenn sie sich auf das Wesentliche reduziert. Disturbeds Auftritt ist trashig, ein bisschen peinlich und irgendwie  weichgespült. Das krasse Gegenteil folgt auf dem Fuß:  Nine Inch Nails. Die Industrial-Bestie Trent Reznor wird von der Ketten gelassen und drischt gnadenlos auf  sein dankbares Publikum ein. Keine Verschnaufpause, endlich passt der Regen ins Bild. Am Ende spielt er “Hurt”, den Song für die Ewigkeit.

Der penetrant laute Sound zerstört das Intermezzo der talentierten und volltrunkenen Horrors.  Frank Turner spielt “The Ballad Of Me And My Friends” und liebt die deutschen Frauen und das ist ja auch das Wichtigste. Mars Volta puzzlet Klangcollagen, die in unberechenbaren Soundfrickeleien zerbersten. Während sein Schlagzeuger alles zerfetzt, lässt Mastermind Omar Rodriguez die Diva raushängen.  Trotzdem Tinnitus. Surfer Rosa von den Pixies ist das Album meiner Jugend und es ist ein seltsamer Moment als sie so ganz und gar nicht rockstartypisch auf die Bühne dackeln. Wie wichtig die Pixies wirklich waren zeigt dann ihr Konzert: Grunge heute, Punk heute, Indie heute - undenkbar ohne diese Band. Moby zeigt die Vielfalt seines Schaffens und die Nuancen der elektronischen Musik. Dann Kraftwerk, die vielleicht einflussreichste deutsche Band überhaupt. Kraftwerk, die Pioniere und Vorreiter. Kraftwerk, die all das neue Elektrozeug mit dem Handrücken wegwischen, pulverisieren und vergessen machen. Visueller-Sound-Bombast!

Der letzte Gang zum hauseigenen Pavillon. Der ist mittlerweile gehörig demoliert und eingedrückt. Der Innenraum ist über und über mit Stroh dekoriert, ein Unbekannter schläft in friedlicher Embryostellung unter dem Tisch und ein Pärchen knutscht im Campingstuhl. Mein Southside-Schlussbild ist eine biblische Szene - und dafür macht macht man sich doch liebend gern zum Esel!