
Where Is My Mind?
Keine Frage, ich bin mit diesem Festival aufgewachsen: Bereits als kleiner Pimpf lauschte ich andächtig auf unserem fünf Autominuten vom Gelände entfernten Balkon, als 14-Jähriger war ich den Tränen nahe, als es mit meiner Festivalpremiere nicht so richtig klappen wollte. Und 2005 warf ich mich dann endlich selbst ins Geschehen. Seither lässt mich das Musikevent vor meiner Haustüre nicht mehr los. Tatsächlich gibt es grundsätzlich kein Festival deutschlandweit, dessen Line-Up-Faust so brachial passend auf mein Musikauge schlägt.
2009 ist mein fünftes Southside-Festival. Doch als ich mich Donnerstagabend an die beängstigende Menschenschlange hänge, bin ich in etwa so routiniert, wie ein englischer Fussballprofi am Elfmeterpunkt.
Passierschein A 38:
Der klassische Aufbau eines Camps besteht aus einem zentralen Pavillon, darunter ein versiffter überfüllter Tisch, darunter ein Haufen Müll, drumherum die Zelte und eine ständig variierende Anzahl an Campingstühlen und Campern. Panzertape hält den Laden zusammen, alles weitere ist dann dem Zufall und der Fluktuation überlassen.
Video: Tabula Rasa!
Für viele ist der Zeltplatz ansich der einzig wahre Headliner und entsprechend bunt und unübersichtlich ist das Treiben auf der Landebahn. Das Spektrum reicht von Nackten (logisch!), Bären, Schlümpfen, Rockern, Punks, HipHopern, über Fussballspieler, Artisten, Skateboardfahrer, Gummibälle, Dixie-Umwerfer, Feuerteufel, Schnapsleichen oder Ausdruckstänzer bis hin zu Golfern, Schlammcatchern, Partyschweinen, Muster-ins-Brusthaar-Rasierten, Filmteams und Musikern. Dieses irrwitzige, durchnässte Irrenhaus saugt dich unwillkürlich in sich auf.
Wettertechnisches
Southside bedeutet Sonnenbrand und Hitzeschlag, Schwitzen und abkühlen. 2009 ist das anders. Freitag-Mittag beginnt es in bitterkalten Fäden zu schütten und schon bald regieren Schlamm und wetterfeste Kleidungskreationen. Der Wolkenhimmel ist breiig grau und trostlos.
Musik wie sie sein sollte…
Silversun Pickups überraschen und geben den angenehmen Festivalauftakt auf der Zeltbühne. Die wohlige Bart-Band Fleet Foxes zaubert durch den Regen Lächeln in gepeinigte Gesichter; der magische Moment folgt jedoch erst bei Clueso: Irgendwo am Horizont frisst sich die Sonne durch das breiige Grau und zwar so vollendet glühend, dass es der Menge durchblutend warm den Rücken hinunter läuft. Ben Harper lebt für seine Musik und den Konzertmoment und weil man das spürt und sieht springt der Funke über. Dann folgt der superlative Vorschlaghammer: Nick Cave and the Bad Seeds. Keine Band schaffte es öfter in meinen CD-Spieler, meinen MP3-Player, meine PC-Playlist. Keine Musik hat mich stärker geprägt. Das Konzert macht mich absolut sprachlos.
(->Die besten Konzerte meiner Southside-Geschichte<-)
Vor Friska Viljor platzt der Regen. Das Plakat der Schweden ist viel zu klein für die rießige Bühne . Am Ende triumphiert jedoch der Spaß und die Symphatie und Tausende feiern mit der nahezu perfekten Popband. Johnossi fallen gegenüber ihren Vorgängern deutlich ab. Gaslight Anthem drehen Springsteen durch einen energetischen Punkwolf. I ch nehme mir eine kurze Pause. Zwei Stunden später: Schlamm und Eugene Hutz, Frontmann der Zigeunerkombo Gogol Bordello, verwandeln den Innenring der Green Stage in eine dreckige Gypsy-Disko. Editors besitzen mit Tom Smith den vielleicht ausgereiftesten Sänger des Festivals. Gitarrenwände und Elektrogebashe vollenden ihr Konzert. Jesse “The Devil” Hughes ist ohne Wenn und Aber die coolste Sau des Rock´N´Roll-Zirkus. Seine Eagles Of Death Metal unterstreichen nachhaltig, dass Rockmusik immer dann am besten ist, wenn sie sich auf das Wesentliche reduziert. Disturbeds Auftritt ist trashig, ein bisschen peinlich und irgendwie weichgespült. Das krasse Gegenteil folgt auf dem Fuß: Nine Inch Nails. Die Industrial-Bestie Trent Reznor wird von der Ketten gelassen und drischt gnadenlos auf sein dankbares Publikum ein. Keine Verschnaufpause, endlich passt der Regen ins Bild. Am Ende spielt er “Hurt”, den Song für die Ewigkeit.
Der letzte Gang zum hauseigenen Pavillon. Der ist mittlerweile gehörig demoliert und eingedrückt. Der Innenraum ist über und über mit Stroh dekoriert, ein Unbekannter schläft in friedlicher Embryostellung unter dem Tisch und ein Pärchen knutscht im Campingstuhl. Mein Southside-Schlussbild ist eine biblische Szene - und dafür macht macht man sich doch liebend gern zum Esel!